Überwindung des Schweigens - Kultur des Gedenkens und der Versöhnung

Vertiefende Informationen zu Frage 5

Brauchen wir neben einer Kultur des Gedenkens auch eine Kultur des Verzeihens, der Versöhnung und die Überwindung des Schweigens für Opfer und Täter nach dem Ende der DDR? Wie stehen Sie dazu im Hinblick auf die 25-Jahr-Feiern am 09. November 2014 und 03. Oktober 2015? Was sollte bis dahin geschehen und wie sollten diese Jubiläen dazu beitragen?

 



Überwindung des Schweigens für Opfer und Täter


In dem lesenswerten Buch „Die Grenze durch Deutschland – Eine Chronik von 1945 -1990“ listet der Autor Roman Graf in seinem Resümee 1998 folgende Fakten auf:

 

images/kreuz.jpgVon den über 65.000 staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren im Bereich SED-Unrecht sind ¾ der Verfahren eingestellt worden, ebenso fast 90 % der Verfahren wegen Rechtsbeugung. Von den mehr als 3.000 Ermittlungsverfahren der Polizei und der Staatsanwalt wegen Gewalttaten an der Grenze wurden rund 90 % der Verfahren eingestellt. Nur eine Minderheit derjenigen, die bei der Aussiedlung aus ihren Häusern vertrieben wurden, hat ihr Eigentum zurückerhalten. Etwa 5.000 DDR-Grenzer, Transportpolizisten, Volkspolizisten und Passkontrolleure sind in den Bundesgrenzschutz übernommen worden. Bei den über 60 Mauerschützen-Prozessen und weiteren Grenzschützen-Prozessen in den neuen Bundesländern sind annähernd 100 Angeklagte zu Haftstrafen auf Bewährung bestraft worden. Seit den Wahlen am Ende 1990 sitzen Funktionäre der umbenannten SED als Volksvertreter in fünf neuen Bundesländern, im Berliner Abgeordneten Haus und dem gesamtdeutschen Bundestag. Das ist die Momentaufnahme von 1998, die sicherlich noch weiter geführt werden kann.

Bundespräsident Joachim Gauck erinnerte in seiner Rede am 17. Juni 2013 an den Aufstand am 17. Juni 1953. Das Volk stand auf und musste als Gedemütigte und Unterdrückte dann jahrelang schweigen. Ein durch die Macht und Ideologie herab gewürdigte Widerstandsbewegung.

Mit der Wende fand auch ein Ausverkauf der DDR statt. Das Unternehmen DDR wurde in großen Teilen von der Wirtschaft, den Finanzinstitutionen, dem Rechtswesen und der Politik der  Bundesrepublik geschluckt. Die hohe Arbeitslosigkeit, die Abhängigkeit von den Geldern der alten Bundesrepublik, die ungleichen Löhne und Renten und schwierigen Zukunftsaussichten bestimmten jahrelang das Miteinander von Ost und West.

Im Gegensatz zu diesen Realitäten der ersten Jahre des vereinten Deutschlands muss man unbedingt aber auch das Glück, die Freude, die Dankbarkeit, die Freiheit und die gemeinsame Zukunft Deutschlands benennen und die weitere positive Entwicklung im Miteinander bis heute.

Wie wir aus unserer Vergangenheit des 3. Reiches und des Holocausts wissen, braucht es für die Überwindung des Schweigens und der Verletzungen den Mut, Wege des Dialogs und der Versöhnung zu gehen. 25 Jahre nach dem Fall der Mauer und 25 Jahre vereintes Deutschland werden wir sicherlich mit großer Freude feiern und der vergangenen Jahre gedenken.

Diese historischen Daten geben uns aber auch die Chance, einen Prozess der Vergebung, der Versöhnung und der Überwindung des Schweigens für Opfer und Täter zu begehen. Die Kirchen haben wie bei dem Beginn der friedlichen Revolution auch hier eine große Chance, da der christliche Glaube und die Rechtfertigung in Christus uns die Kraft zur Vergebung und Versöhnung anbietet.



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Das Bild zeigt die innerdeutsche Grenze zwischen Thüringen (rechts) und Hessen (links). Vom Grenzmuseum Schifflersgrund (bei Bad Sooden-Allendorf) wird dort ein Teil der ehemaligen Grenze erhalten. Zu sehen ist der seinerzeit mit Minen gesicherte Grenzzaun davorliegendem Kontrollstreifen. Die eigentliche Grenze befindet sich oberhalb des mittlerweile bewaldeten Hangs entlang der Leitplanken. Im hinteren Teil der freien Fläche ist ein unscheinbares Kreuz zu sehen, das den Todesort des 34-jährigen Meliorationsarbeiters Heinz-Josef Große markiert, der am 29. März 1982 bei einer versuchten "Republikflucht" direkt im Schifflersgrund starb . Als Zivilist war er über Jahre hinweg unmittelbar an der Grenze tätig gewesen. An diesem Tag führte er Erdarbeiten aus. Als sich die bewachenden Grenzposten in einem Geländewagen entfernt hatten, fuhr Große an eine Stelle des Grenzzaunes, an der er den Ausleger seines Frontladers über den Minen gesicherten Zaun legen konnte. Er kletterte auf den Ausleger, sprang über den Zaun und versuchte, über eine steile Böschung die Grenzlinie zu erreichen. Die beiden zurückgeeilten Grenzposten bemerkten das Fahrzeug und den Flüchtenden. Auf Warnschüsse folgte gezieltes Gewehrfeuer. Heinz-Josef Große wurde tödlich im Rücken getroffen. Die Beisetzung erfolgte in seiner Heimatgemeinde Thalwenden. In der zensierten Traueranzeige durften keine Formulierungen verwandt werden, die Rückschlüsse auf ein unnatürliches Ableben ermöglicht hätten [Quelle: wikipedia].