Jüdisch-christlichen Werte  · „Solidarität – die eigentlich gefährdete Ressource“

Vertiefende Informationen zu Frage 4

Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach für die Politik die jüdisch-christlichen Werte – wie Nächstenliebe, Frieden, Versöhnung, Sonntagsruhe, Würde jeder menschlichen Person am Lebensanfang und am Lebensende, Ehe und Familie, usw. – im Kontext einer multikulturellen Gesellschaft?

 

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„Solidarität –
die eigentlich gefährdete Ressource“ 

Den 10 Geboten, die Judentum und Christentum, in Teilen auch der Islam kennen, entnehmen wir den Wert von Ehe und Familie, des Ruhetages, der Würde der menschlichen Person am Lebensanfang und Lebensende. Denn Gläubige achten einen geheimnisvollen übernatürlichen Anfang allen Lebens, einen Schöpfer, dessen Schöpfung es zu ehren, zu genießen, aber nicht auszubeuten gilt. Andere Werte wie Nächstenliebe, Frieden und Versöhnung entstammen konkret der Lehre Jesu Christi und seines Beispiels: Er gab sein Leben hin für die Versöhnung und Entschuldung aller Menschen.

Der Wert der „Nächstenliebe“ ist aus einem Gleichnis Jesu (Lk 10, 25-37) in unsere Gesellschaft eingedrungen bis in unser Strafgesetzbuch hinein: Unterlassene Hilfeleistung, § 323c. Jesus macht deutlich: nicht Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion oder Ethnie sind ausschlaggebend, um spontan jemandem in Not zu helfen: Jeder Schwache ist meiner Hilfe würdig, sogar mein Feind. Nicht nur Christen wird eine Strafe für „unterlassene Hilfeleistung“ angedroht, sondern allen – ob gläubigen, nicht- oder andersgläubigen – Bürgern.

Damit wird deutlich, dass unser freiheitlicher säkularisierter Staat aus Quellen lebt, die man nicht durch Politik vorgeben (frei nach Böckenförde), aber sehr wohl schützen und fördern kann. Wenn Werte wie Versöhnungsbereitschaft ausfallen und Rache, wie sie in „natürlichen“ Impulsen in uns angelegt sind, nicht durch eine größere Liebe aufgefangen wird, ist in unserer Gesellschaft ein Neuanfang schwer, egal in welchen Lebensbereichen.

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Der Wert der Solidarität (Nächstenliebe, Versöhnungsbereitschaft) ist „die eigentlich gefährdete Ressource“ in unserer Gesellschaft (Jürgen Habermas). Solidarität mit allen Menschen – unabhängig von ihrem Glauben oder Sympathiewerten – muss daher immer wieder neu gelernt werden, dadurch dass das Leben und die Lehre Jesu Christi als zentrale Quellen lebendig bleiben, durch Feiertage und durch aktives kulturelles Wissen und gelebte Erfahrung.

Dr. Beate Beckmann-Zöller,
Religionsphilosophin (München)