Projekt Bundestagswahl · Deutschland · Israel

Ergebnisse

Sonstige (Sonstige)
Werner, Katrin
Die LINKE
5 Fragen beantwortet
 

Landesvorsitzende der Linke in RLP 

Frage 1:
Was bedeutet für Sie persönlich der Fall der Mauer vor fast 25 Jahren – und was die Deutsche Einheit?

Die Deutsche Einheit war der größte Glücksfall der Deutschen Nachkriegsgeschichte.
Die zwei Deutschlands wieder vereint, damit hätte niemand gerechnet. Ich selbst bin in der DDR großgeworden und kann mich noch an die Freude bei Familie und Freunden
erinnern, dass Deutschland wiedervereint ist. Der Fall der Mauer ist auch für meine Biographie bedeutend. So bin ich im Osten aufgewachsen und lebe nun seit mehr als 10 Jahren in Westdeutschland, habe hier meine Tochter bekommen und kann als Bundestagsabgeordnete den Wahlkreis Trier vertreten. So bedeutend und wichtig diese Ereignisse waren, ist die Einheit Deutschlands immer noch nicht ganz vollzogen. Gerade im Osten des Landes fühlen viele Menschen sich so, als wäre ihre Biographie unbedeutend im wiedervereinten Deutschland. Die Aufarbeitung der DDR-Geschichte fordert notwendigerweise auch die Auseinandersetzung dem undemokratischen System, es erfordert aber auch dass man die Biographien der einzelnen Menschen dort würdigt und ihre Geschichte nicht nur im Schatten eines Staates verhandelt, der Grund-, Freiheits-und Menschenrechte verletzte.

Frage 2:
Welche Aufgaben im Zusammenwachsen der Menschen von Ost und West liegen weiterhin vor uns – und wie wollen Sie sie in Ihrer politischen Verantwortung verwirklichen?

Wir brauchen eine Kultur des gegenseitigen Austausches. Die Wiedervereinigung hatte
einige Nachwehen in der Gesellschaft, die zu einer Spaltung in den Köpfen der Menschen führte. Es ist wichtig zu verstehen, dass beispielsweise viele Trümmerfrauen in Westdeutschland einen Staat aufbauten, Familien versorgten, die Landwirtschaft wieder aufbauten und dann aber in Altersarmut lebten und leben, weil sie finanziell nicht abgesichert waren. Es ist wichtig zu verstehen, dass die meisten Menschen in Ostdeutschland unter widrigen Umständen ein normales Leben führten, dass die soziale Gemeinschaft dort sehr stark in Nachbarschaftsbeziehungen verankert waren. Und dass es auch soziale Errungenschaften in der DDR gegeben hatte, auf die die Menschen heute noch sehr stolz sind und im wiedervereinten Deutschland vermissen: Bspw. Grippen-und Kindergärtenplätze für alle, ein inklusives Schulsystem oder das flächendeckende Gesundheitssystem mit den Polykliniken.

Die Einheit wird es dann in den Köpfen vollständig angekommen sein, wenn man die
Biographien des anderen versteht und respektiert. Diese geschichtliche Aufarbeitung ist leider zu stark in den Hintergrund einer notwendigen Auseinandersetzung mit dem Unrechtssystem der DDR getreten.

Als Politikerin möchte ich darauf hinwirken, dass man sich gerade mit diesen unterschiedlichen Biographien und unterschiedlichen Problemen mit denen sich die Menschen in Ost und West auseinandersetzen mussten, befasst. Dies kann nur durch Bildungs- und Kulturprogramme erfolgen. Die gerade diesen Teil deutscher Geschichte
aufarbeiten soll.

Frage 3:
Wie können Sie sich eine Aufwertung des Nationalfeiertags am 3. Oktober vorstellen? Wie stehen Sie zu dem Anliegen, den 3. Oktober als einen Tag unter dem Motto "Danken Feiern Beten" als öffentliche Veranstaltung unter Beteiligung der christlichen Kirchen in möglichst vielen Orten zu begehen?
Ich bin nicht der Meinung, dass der 3. Oktober aufgewertet werden muss. Er hat eine
feste Verortung im Verständnis und Leben der Deutschen. Er ist ein säkularer Feiertag,
der keine religiöse Motivation hat. Ich begrüße es aber, wenn die Kirchen diesen Tag
auch als ihren Tag mitfeiern und in ins religiös-liturgische Leben der Glaubenden einbinden.
Als Politikerin möchte ich aber den Kirchen keine Vorschriften, auch aus Gründen
der Trennung von Kirche und Staat, machen, wie sie diesen Tag zu feiern haben. Wenn das Anliegen der Kirchen in Deutschland ist, den 3. Oktober unter dem Motto ‚Danken,
Feiern, Beten‘ zu gestalten und dies in Zusammenarbeit der Glaubensgemeinschaften
geschieht, ist dies auch ein wichtiger Beitrag zur Einheit in Deutschland.
Frage 4:
Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach für die Politik die jüdisch-christlichen Werte – wie Nächstenliebe, Frieden, Versöhnung, Sonntagsruhe, Würde jeder menschlichen Person am Lebensanfang und am Lebensende, Ehe und Familie, usw. – im Kontext einer multikulturellen Gesellschaft?

Mich stört an dieser Fragestellung zuerst einmal, dass diese Werte explizit dem jüdischchristlichen Glauben zugesprochen werden. Er exkludiert bewusst den Islam, der auf den gleichen Werten aufbaut und auch andere Religionen und Weltanschauungen, deren Fundament auf diesen Werten ruht.

Der jüdisch-christliche Dialog ist für das Nachkriegsdeutschland ein wichtiger Austausch. Er hat geholfen, den Genozid des Dritten Reiches aufzuarbeiten. Er hat zu einer neuen Diskussionskultur und Mentalität in Deutschland geführt, der uns eindeutig klar macht, dass wir Verantwortung für unsere Geschichte tragen und Rassismus und menschenverachtende Ideologie in Deutschland nie wieder aufkommen dürfen.

Die jüdisch-christlichen Werte oder die abendländischen Wert haben sich jedoch in der öffentlichen Diskussion viel zu sehr zu einer ideologischen Kampfsemantik entwickelt,
die exkludiert und andere aus dem Werte-Dialog ausschließt: Der jüdisch-christliche
Dialog muss seine Erfahrung von Aussöhnung, Verstehen, Solidarität und der Sorge für
das Wohl einer gemeinsamen Gesellschaft auch auf andere Dialogpartner ausweiten.

Werte wie Nächstenliebe, Versöhnung, die Würde der menschlichen Person müssen
universal für alle gelten, sie sind aber auch universale Werte, die von allen getragen
werden – mit Ausnahme rassistischer Weltanschauung. Bei den politisch-kulturellen
Werten wie der Sonntagsruhe, Ehe und Familie müssen sich kulturelle und politische
Werte in einen neuen Diskurs begeben: Der Sonntag als arbeitsfreier Tag hat nicht nur
aus religiösen Gründen seinen Wert, sondern auch aus sozialen und kulturellen. Der
Mensch darf hier nicht einer kapitalistischen Logik unterworfen sein, es braucht einen
freien Tag in der Woche, in der man Zeit für Familie, Kultur, Freizeit und auch für die
Ausübung seiner eigenen Religiösität findet. Die Werte Familie und Ehe bedürfen einer
neuen Reflektion: Ehe und Familie ist da, wo Liebe ist. Hier ist eine Zuwendung zu neuen Lebensformen (Homoehe, Patchwork-Familien, Alleinerziehende) im Sinne der gesellschaftlichen Solidarität dringend notwendig.

Frage 5:
Brauchen wir neben einer Kultur des Gedenkens auch eine Kultur des Verzeihens, der Versöhnung und die Überwindung des Schweigens für Opfer und Täter nach dem Ende der DDR? Wie stehen Sie dazu im Hinblick auf die 25-Jahr-Feiern am 09. November 2014 und 03. Oktober 2015? Was sollte bis dahin geschehen und wie sollten diese Jubiläen dazu beitragen?

Eine Kultur des Gedenkens kann für die Gegenwart nur hilfreich sein, wenn sie zu einer
Kultur des Verzeihens und der Versöhnung führt. Doch Versöhnung und Verzeihung
setzen auch voraus, dass ein Schuldeingeständnis dem vorangeht. Man kann Opfern
nicht vorschreiben, dass sie verzeihen müssen und sie so zur Versöhnung zwingen. Gerade in Hinblick auf die Opfer von Überwachung, Folter und Entzug der Freiheits-und Menschenrechte wäre ein solcher Dialog hilfreich.

Die Aufarbeitung der DDR-Geschichte ist notwendig, sie muss auch weiterhin notwendig betrieben werden. Jedoch führt eine abstrakte Diskussion über das Unrecht, dass in einem System begangen wurde dazu, dass die Einzelschicksale vergessen und zu Opfern subsummiert werden. Hier braucht es eine Kultur der Begegnung, des Austausches, des Hinterfragen, dem sich die Täter stellen müssen und dass vor allem die Würde der Opfer zu wahren, zu schützen und zu rehabilitieren. Dies zu realisieren ist eine schwierige Aufgabe, die eine neue Kultur des Dialoges und Zuhören in Deutschland fördern müsste.