Projekt Bundestagswahl · Deutschland · Israel

Ergebnisse

Wahlkreis 56: Prignitz – Ostprignitz-Ruppin – Havelland I (Brandenburg)
Tackmann, Dr.Kirsten
Die LINKE
5 Fragen beantwortet
 

Leiterin des Arbeitskreises Infrastruktur und Haushalt Agrarpolitische Sprecherin Fraktion DIE LINKE

Frage 1:
Was bedeutet für Sie persönlich der Fall der Mauer vor fast 25 Jahren – und was die Deutsche Einheit?

Für mich persönlich bedeutet der Fall der Mauer politisch das Scheitern unseres Ringens um den so genannten dritten Weg und damit das Eingeständnis der vor allem selbstverschuldeten politischen Niederlage. Verbunden damit war auch die Fortsetzung der intensiven Auseinandersetzung mit den Ursachen des Scheiterns und des Bruchs mit dem Stalinismus als System als Voraussetzung für einen politischen Neuanfang. Im privaten Umfeld war die Zeit geprägt von sehr unterschiedlichen Entwicklungen mit sozialen Brüchen und tiefen Enttäuschungen, aber auch neuen Perspektiven und Möglichkeiten. Es gab viele Gewinner_innen, aber auch viele Verlierer_innen dieses Umbruchs und die Entscheidung, zu welcher Gruppe man gehörte, war weniger von eigenen Fähigkeiten, Leistungen und Engagement abhängig, dafür aber oft von Zufällen, häufig von Skrupellosigkeit sowie Gnade oder Ungnade des Geburtsortes abhängig. Dominierend ist deshalb für mich die Erinnerung an den mangelnden Respekt gegenüber ostdeutschen Biografien.

Frage 2:
Welche Aufgaben im Zusammenwachsen der Menschen von Ost und West liegen weiterhin vor uns – und wie wollen Sie sie in Ihrer politischen Verantwortung verwirklichen?

Gretchenfrage für ein Zusammenwachsen von Ost und West war und ist für DIE LINKE und für mich persönlich die Angleichung der Ostrenten. Das haben wir in und außerhalb des Parlaments immer wieder eingefordert, weil gerade diese Generation nicht mehr länger auf Gerechtigkeit warten kann. Darüber hinaus ist ein flächendeckender Mindestlohn und die Angleichung der Ost- und West-Löhne ein weiterer Schwerpunkt hinsichtlich gleichwertiger Lebensverhältnisse in Ost und West. Regelmäßige Schüler_innen-Austausche oder intensive Städtepartnerschaften zwischen Ost- und Westdeutschland können dabei helfen, mehr Verständnis und Respekt für die Lebenswege zu befördern.

Frage 3:
Wie können Sie sich eine Aufwertung des Nationalfeiertags am 3. Oktober vorstellen? Wie stehen Sie zu dem Anliegen, den 3. Oktober als einen Tag unter dem Motto "Danken Feiern Beten" als öffentliche Veranstaltung unter Beteiligung der christlichen Kirchen in möglichst vielen Orten zu begehen?

Ich sehe keinen Bedarf nach einer Aufwertung des 3. Oktober. Der Grund für seine begrenzte Ausstrahlung liegt in seiner fehlenden authentischen Verbindung zur demokratischen Bewegung in der DDR 1989/90. Der 18. März als Tag der ersten freien Wahlen in der DDR 1990 und auch als Tag der Märzrevolution von 1848 hätte weitaus mehr Potenzial für gesellschaftliche Akzeptanz gehabt. Ich bin zudem für eine strikte Trennung von Staat und Kirchen, so dass eine stärkere Beteiligung der Kirchen an einem solchen politischen Feiertag falsch wäre. Zumal die Beschränkung auf die christlichen Kirchen von der LINKEN ohnehin abgelehnt würde, weil z.B. Menschen jüdischen und muslimischen Glaubens in Deutschland ausgeschlossen wären oder sich ausgegrenzt fühlen würden.

Frage 4:
Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach für die Politik die jüdisch-christlichen Werte – wie Nächstenliebe, Frieden, Versöhnung, Sonntagsruhe, Würde jeder menschlichen Person am Lebensanfang und am Lebensende, Ehe und Familie, usw. – im Kontext einer multikulturellen Gesellschaft?

DIE LINKE betrachtet die unterschiedlichen religiösen, weltanschaulichen und kulturellen Ansätze und Werte unserer Gesellschaft als Reichtum. Die Werte, von denen sich viele Menschen – ob gläubig oder nicht –  in ihrem Leben, aber auch in der Politik, leiten lassen, sind oft die gleichen, nur werden sie nicht immer gleich bezeichnet: Die einen nennen es christliche Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Würde, die anderen Solidarität, Mitgefühl und Respekt. Ob wir einen Beitrag zum friedlichen, toleranten und gerechteren Zusammenleben in der Gesellschaft leisten ist nicht davon abhängig, ob jemand an einen Gott glaubt oder sich dabei von jüdischen-christlichen oder humanistischen Werten leiten lässt.

Frage 5:
Brauchen wir neben einer Kultur des Gedenkens auch eine Kultur des Verzeihens, der Versöhnung und die Überwindung des Schweigens für Opfer und Täter nach dem Ende der DDR? Wie stehen Sie dazu im Hinblick auf die 25-Jahr-Feiern am 09. November 2014 und 03. Oktober 2015? Was sollte bis dahin geschehen und wie sollten diese Jubiläen dazu beitragen?

Der Prozess der Überwindung der Teilung läuft seit vielen Jahren und ist, bezogen auf die nachwachsende Generation, auch recht erfolgreich. Der 25. Jahrestag bietet sicherlich Gelegenheit, den Stand dieser historischen Auseinandersetzungsprozesse zu bewerten. Für DIE LINKE geht es hier um einen Prozess auf Augenhöhe, bei dem auch die spezifischen Erfahrungen des Ostens einbezogen und gewürdigt werden müssen. Erfahrungen von Repression, politischer Ausgrenzung und Unterdrückung und ihre Ursachen müssen öffentlich thematisiert werden, um gemeinsam Schlussfolgerungen ziehen zu können. Dies gilt für die DDR, aber auch für die BRD im Kalten Krieg. Verzeihen und Versöhnen lassen sich nicht vorgeben. Wichtiger ist es, Räume zum Austausch für unterschiedliche Erfahrungen zu schaffen, Fehler und Irrtümer ehrlich zu benennen und zu korrigieren.