Projekt Bundestagswahl · Deutschland · Israel

Ergebnisse

Wahlkreis 270: Aalen – Heidenheim (Baden-Württemberg)
Sünder, Claudia
SPD
5 Fragen beantwortet
 

Aalen/Heidenheim   -  Fraktionsvorsitzende im Gemeinderat Ellwangen
und im Regionalverband Ostwürttemberg

Frage 1:
Was bedeutet für Sie persönlich der Fall der Mauer vor fast 25 Jahren – und was die Deutsche Einheit?
Ein neues und hoffnungsvolles Kapitel deutscher Geschichte. Ich durfte diesen Tag in Berlin erleben – und werde ihn nie vergessen.  Die Deutsche Einheit bedeutete die Chance auf eine neue gesellschaftliche Qualität, die Wertschätzung von Freiheit, die Übernahme von Verantwortung und eine Herausforderung an politisches Miteinander, um Gesellschaft zum Wohl aller Bürgerinnen und Bürger zu gestalten.          
Frage 2:
Welche Aufgaben im Zusammenwachsen der Menschen von Ost und West liegen weiterhin vor uns – und wie wollen Sie sie in Ihrer politischen Verantwortung verwirklichen?
Das Zusammenwachsen schreitet voran. Die Generation, die beide getrennten Systeme noch prägend für ihre Lebensgestaltung wahrgenommen hat, trägt diese Erfahrung mit sich und solange es feststellbare „strukturelle“ Unterschiede zwischen beiden ehem. Teilen Deutschlands gibt, steht hier das Zusammenwachsen vor großen Aufgaben. Dazu zähle ich die Debatte um das Rentenniveau, die Versorgungsquote mit Kinderbetreuungsplätzen, die unterschiedliche Ausprägung des Arbeitsmarktes und vieles mehr. Hier ist politischer Handlungswille dringend erforderlich. Regionale Zusammenhänge differenziert zu betrachten, ist sinnvoll – einen Debatte „die im Osten haben erstklassige Strassen und wir nicht“ ist peinlich.
Frage 3:
Wie können Sie sich eine Aufwertung des Nationalfeiertags am 3. Oktober vorstellen? Wie stehen Sie zu dem Anliegen, den 3. Oktober als einen Tag unter dem Motto "Danken Feiern Beten" als öffentliche Veranstaltung unter Beteiligung der christlichen Kirchen in möglichst vielen Orten zu begehen?
Ich bin nicht der Meinung, dass die Gestaltung eines Feiertages der gesellschaftlichen Aufgabe der Deutschen Einheit gerecht wird. Es gibt keinen für mich erkennbaren Grund, der die christlichen Kirchen bisher an Aktivitäten rund um den Nationalfeiertag hindert. Ein zentrales Motto ‚Danken Feiern Beten’ schließt hingegen eine Gruppe von Menschen aus, die ebenfalls (wie auch die Kirchen) ihren großen Beitrag zum Gelingen der Deutschen Einheit erbringt. Ich würde mir wünschen, dass der Nationalfeiertag zu einem wichtigen Ereignis für alle Bürgerinnen und Bürger wird – und nicht zur Glaubensfrage.

Abseits der Frage zum Nationalfeiertag halte ich es jedoch für wichtig, die Geschichte des geteilten Deutschlands bis hin zum Fall der Mauer intensiver z.B. im Rahmen des Schulunterrichts zu betrachten. Noch gibt es Zeitzeugen, die über ihre Erfahrungen in unterschiedlichen Systemen berichten können. Es gibt aus meiner persönlichen Sicht eine Verantwortung sich zu erinnern. Und deshalb sollten wir uns bemühen, einen lebendigen Zugang zu diesem Teil der deutschen Geschichte zu bewahren.

Frage 4:
Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach für die Politik die jüdisch-christlichen Werte – wie Nächstenliebe, Frieden, Versöhnung, Sonntagsruhe, Würde jeder menschlichen Person am Lebensanfang und am Lebensende, Ehe und Familie, usw. – im Kontext einer multikulturellen Gesellschaft?

Die Politik hat die Rahmenbedingungen für die Wahrung des Grundgesetzes zu schaffen. Im Grundgesetz der Bundesrepublik finden sich klare Bekenntnisse zur Würde des Menschen, zu Gleichstellung, gegen Ausgrenzung und Diskriminierung. Es existiert ein ebenso klares Bekenntnis zum Frieden. Jeder politisch verantwortliche Mensch, der sich auf dem Boden der Demokratie bewegt und das Grundgesetz achtet, lebt für diesen Wertekanon. Auf Basis des Grundgesetzes ist eine multikulturelle Gesellschaft eine Herausforderung, die es zu meistern gilt, jedoch nicht durch Ausgrenzung und Abwertung, sondern durch die Schaffung eines verlässlichen Miteinanders.

Frage 5:
Brauchen wir neben einer Kultur des Gedenkens auch eine Kultur des Verzeihens, der Versöhnung und die Überwindung des Schweigens für Opfer und Täter nach dem Ende der DDR? Wie stehen Sie dazu im Hinblick auf die 25-Jahr-Feiern am 09. November 2014 und 03. Oktober 2015? Was sollte bis dahin geschehen und wie sollten diese Jubiläen dazu beitragen?

Ich wurde in der ehemaligen DDR sozialisiert. Mein Verhältnis zu bedeutungsschweren Feiertagen ist nicht ungetrübt. Große Gesten und Rituale, die  installiert werden ohne das tiefe Bedürfnis der Menschen, haben manchmal keine lange Lebensdauer. In den Monaten vor dem Fall der Mauer habe ich demonstriert – für Freiheit und Demokratie... und bis jetzt hat sich mir nun, da ich in den alten Bundesländern lebe, die Frage nach einer Kultur des Verzeihens und der Gestaltung eines Feiertages nicht gestellt. Für mich ist es wichtig, dass wir NICHT VERGESSEN und dass wir es jetzt besser machen. Dieses ‚Nicht vergessen’ lässt sich im Alltag weit besser platzieren als an nur einem Tag im Jahr. Es bietet mehr Möglichkeiten der Aufarbeitung und auch des angemessenen Umgangs mit Opfern und Tätern.