Projekt Bundestagswahl · Deutschland · Israel

Ergebnisse

Wahlkreis 196: Sonneberg – Saalfeld-Rudolstadt – Saale-Orla-Kreis (Thüringen)
Stauche, Carola
CDU
5 Fragen beantwortet
 
Frage 1:
Was bedeutet für Sie persönlich der Fall der Mauer vor fast 25 Jahren – und was die Deutsche Einheit?

Der Fall der Mauer ist für mich persönlich eines der schönsten Erlebnisse meines Lebens gewesen. Er brachte uns freie Wahlen, Reisefreiheit und ganz allgemein das Leben in einem demokratischen Rechtstaat. Ich hatte so die Möglichkeit, mich wirklich politisch engagieren zu können; von dieser Möglichkeit habe ich durch mein Engagement auf kommunaler, Landes- und Bundesebene Gebrauch gemacht und konnte und kann so dazu beitragen, meine Heimat und ganz Deutschland als lebenswerte Region zu gestalten.

Frage 2:
Welche Aufgaben im Zusammenwachsen der Menschen von Ost und West liegen weiterhin vor uns – und wie wollen Sie sie in Ihrer politischen Verantwortung verwirklichen?

Trotz der vielen Erfolge im Zusammenhang mit der Deutschen Einheit liegen nach wie vor viele Aufgaben vor uns. Oft angesprochen werden die Fragen nach einheitlichem Lohn und einheitlichem Rentenrecht, und nach finanzieller Förderung (Stichwort Solidarzuschlag). Das sind wichtige Herausforderungen. Doch ich denke, dabei sollten wir immer im Blick behalten, dass es in erster Linie um die Menschen geht, um das emotionale Miteinander der Menschen in ganz Deutschland.

Erschreckend fand ich eine Aussage eines Bürgers im Fernsehen nach der Wahl von Bundespräsident Gauck, die sinngemäß lautete: „Jetzt haben wir zwei Ossis an der Spitze; haben wir denn keine eigenen Leute?“ Diese Aussage zeigt, dass es anscheinend nach wie vor Menschen gibt, die gedanklich noch in Vorwendezeiten leben, die zwischen „uns“ und „denen“ unterscheiden. Zum Glück sind dies wohl nur noch wenige. Wichtig in dem Zusammenhang finde ich auch, bei politischen Fragestellungen nicht primär zwischen Ost und West zu unterscheiden, sondern andere Kriterien wie zum Beispiel Stadt und Land, Strukturstärke etc. in den Vordergrund zu stellen. Ich denke, das kann dazu beitragen, dass „Ost“ und „West“ als Denkkategorien weiter an Bedeutung verlieren.

Als Bundestagsabgeordnete bin ich Abgeordnete für ganz Deutschland. Aufgrund meiner Herkunft sehe ich mich natürlich in besonderer Verantwortung für die spezielle Herausforderungen meiner Heimatregion. In der Gestaltung der Agrarpolitik heißt das zum Beispiel, dass in weiten Teilen der neuen Bundesländer aufgrund der genossenschaftlichen Strukturen in der Landwirtschaft teilweise andere Förderrichtlinien wünschenswert sind als in Gebieten mit traditionell kleineren Produktionseinheiten. Solche Differenzierungen sind wichtig, aber sollten meiner Ansicht nach immer an konkreten Sachfragen festgemacht werden, und nicht an einem generellen Ost-West-Gegensatz. Wenn uns das konsequent gelingt, habe ich die Hoffnung, dass bereits in wenigen Jahren die hauptsächlich rhetorische und emotionale Ost-West-Problematik keine Rolle mehr spielen wird.

Frage 3:
Wie können Sie sich eine Aufwertung des Nationalfeiertags am 3. Oktober vorstellen? Wie stehen Sie zu dem Anliegen, den 3. Oktober als einen Tag unter dem Motto "Danken Feiern Beten" als öffentliche Veranstaltung unter Beteiligung der christlichen Kirchen in möglichst vielen Orten zu begehen?

Mit der Gestaltung des 3. Oktobers als (einzigem bundesrechtlichen) staatlichem Feiertag und der zentralen Veranstaltung in jeweils einem anderen Bundesland wird der Tag von staatlicher Seite gewürdigt. Dazu gibt es viele weitere Veranstaltungen, die von regionalen und lokalen Trägern vorbereitet und durchgeführt werden. Ich denke, die Füllung dieses Tages mit Inhalten ist über das Bestehende hinaus nicht in erster Linie eine staatliche, sondern eine zivilgesellschaftliche Aufgabe. Denn nur so kann sichergestellt werden, dass Feiern zum 3. Oktober nicht zu staatlich-propagandistischen Pflichtveranstaltungen verkommen, sondern dass das Gedenken und die Feier der deutschen Einheit aus den Herzen der Bürger kommt.

Der Staat sollte aber in seine Feiern möglichst viele Akteure, gerade auch die Kirchen einbinden, und nichtstaatliches Gedenken ebenfalls unterstützen
Frage 4:
Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach für die Politik die jüdisch-christlichen Werte – wie Nächstenliebe, Frieden, Versöhnung, Sonntagsruhe, Würde jeder menschlichen Person am Lebensanfang und am Lebensende, Ehe und Familie, usw. – im Kontext einer multikulturellen Gesellschaft?

Die weltanschauliche Neutralität des Staates gebietet es, die Meinungen bestimmter Gruppen nicht bevorzugt zu behandeln. Es lässt sich jedoch nicht leugnen, dass viele unserer heutigen Wertvorstellungen eine religiöse Basis haben, auch wenn sie teilweise anders begründet werden. Dies zeigt nur, dass sie nicht aus der Laune früherer Religionsvertreter entstanden sind, sondern tief in der Lebenswelt der Menschen verwurzelt sind und auch eine logisch-rationale Berechtigung haben. So bin ich der Meinung, dass es sehr wichtig ist, sich in der Politik auch aus christlicher Grundhaltung und christlichen Wertvorstellungen heraus zu engagieren und die Gesellschaft entsprechend zu gestalten, ohne jedoch Menschen vorzuschreiben, was sie zu glauben haben. Doch gerade in den angesprochenen Punkten wie Sonntagsruhe, Menschenwürde, Lebensschutz, Ehe und Familie sind die biblisch fundierten  Positionen wichtig und wegweisend.

Frage 5:
Brauchen wir neben einer Kultur des Gedenkens auch eine Kultur des Verzeihens, der Versöhnung und die Überwindung des Schweigens für Opfer und Täter nach dem Ende der DDR? Wie stehen Sie dazu im Hinblick auf die 25-Jahr-Feiern am 09. November 2014 und 03. Oktober 2015? Was sollte bis dahin geschehen und wie sollten diese Jubiläen dazu beitragen?

Persönlich bin davon überzeugt, dass Verzeihen im Prozess der Aufarbeitung sehr wichtig sein kann; aber Verzeihen und echte Bereitschaft zum Dialog sind zutiefst persönliche und individuelle Entscheidungen, die jeder für sich selbst treffen muss. Hier hat der Staat wenn überhaupt, dann nur sehr begrenzte Einflussmöglichkeiten. Die Aufarbeitung muss jedoch nach Kräften weitergehen und weiter gefördert werden. Neue Ansätze sind dabei willkommen; so wäre es durchaus nachzudenkenswert, neue Projekte mit einem Schwerpunkt auf Angeboten zur Versöhnung einzurichten.

Ich setze mich auch dafür ein, dass Zeitzeugen in Schulen gehen und dort von ihren Erfahrungen berichten, dass auch weiterhin eine Auseinandersetzung mit der Geschichte stattfindet.

Allerdings würde ich Gedenk- und Versöhnungsprozesse nicht an Jubiläen festmachen wollen, da so die Gefahr besteht, dass organisch reifende Prozesse medial instrumentalisiert werden. Wohl aber können Jubiläen auch dazu dienen, Bestandaufnahmen vorzulegen und neue Projekte anzustoßen