Projekt Bundestagswahl · Deutschland · Israel

Ergebnisse

Wahlkreis 288: Waldshut (Baden-Württemberg)
Jung, Dr. Karsten
FDP
5 Fragen beantwortet
 

Wahlkreis Waldshut

Frage 1:
Was bedeutet für Sie persönlich der Fall der Mauer vor fast 25 Jahren – und was die Deutsche Einheit?

Die Mauer hat mein politisches Denken geprägt: Geboren 1977 war mir bereits als Kind durch Besuche in Berlin klar, dass hier Unrecht passiert. Der Fall der Mauer ist ein Ereignis, das bei mir bis heute Freudentränen verursacht, wenn ich Bilder davon sehe: Freiheit ist mir zum politischen Lebensthema geworden.

Den Mauerfall selbst habe ich als Zwölfjähriger in Südafrika erlebt. Nach unserem Rückflug Mitte November 1989 sind wir als Erstes nach Eisenach gefahren. Unvergesslich mein Besuch in der damaligen DDR, unvergesslich die Aufbruchstimmung der Menschen am Fuße der Wartburg, die so zum dritten Mal – nach Luther und dem Wartburgfest Zeugin des Freiheitswillens wurde.

Frage 2:
Welche Aufgaben im Zusammenwachsen der Menschen von Ost und West liegen weiterhin vor uns – und wie wollen Sie sie in Ihrer politischen Verantwortung verwirklichen?

Das Wichtigste ist vor allem das Kennenlernen. Für viele Menschen im Südwesten Deutschlands ist Ostdeutschland „terra incognita“; umgekehrt gilt das auch. Dieser Zustand muss geändert werden Nach dem 2. Weltkrieg hat Deutschland gute Erfahrungen mit dem Austausch mit Frankreich gemacht. Durch das deutsch-französische Jugendwerk ist heute, nach generationenlangem Austausch, eine Feindschaft zwischen Deutschland und Frankreich nicht mehr vorstellbar. Ich wünsche mir etwas ähnliches für das Zusammenwachsen von Ost und West. Hier kann sich die Bundespolitik auch durch Förderungsmaßnahmen, vor allem im Bereich des Jugendaustauschs, einbringen.

Frage 3:
Wie können Sie sich eine Aufwertung des Nationalfeiertags am 3. Oktober vorstellen? Wie stehen Sie zu dem Anliegen, den 3. Oktober als einen Tag unter dem Motto "Danken Feiern Beten" als öffentliche Veranstaltung unter Beteiligung der christlichen Kirchen in möglichst vielen Orten zu begehen?

Persönlich bewegt mich der 9. November mehr als der 3. Oktober. Trotzdem sollte er als unser Nationalfeiertag mehr gewürdigt werden. Auch würde ich mich über ein positives Wort der Kirchen zu diesem Tag freuen. Ob man Gott für das Geschenk der Freiheit danken mag, ist allerdings eine Entscheidung, die jeder für sich selbst fällen muss und die nicht staatlich verordnet werden darf.

Frage 4:
Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach für die Politik die jüdisch-christlichen Werte – wie Nächstenliebe, Frieden, Versöhnung, Sonntagsruhe, Würde jeder menschlichen Person am Lebensanfang und am Lebensende, Ehe und Familie, usw. – im Kontext einer multikulturellen Gesellschaft?

Deutschland und Europa sind auf den christlichen Werten gegründet, das Christentum bildet unsere  Leitkultur. Die Werte der Würde der Person und den unendlichen Wert des Menschen als Geschöpf Gottes hat das Christentum aus dem Alten Testament geerbt. Die christliche Freiheit, wie sie beispielsweise im Galaterbrief begründet wird, zeichnet maßgeblich unser Gemeinwesen aus. Und das spezifische Verhältnis von Kirche und Staat – nämlich, dass das kirchliche Recht das staatliche nicht aushebelt, ist eine christliche Errungenschaft, die sowohl Jesus Mk 12 wie auch Paulus Röm 13 begründen.

Wer immer hier leben will, ist willkommen, solange er sich diesen Grundwerten in seinem alltäglichen Handeln verpflichtet – egal zu welchem Gott er dann beten mag. Wer immer seine Religion missbraucht, um die Werte der Würde und Freiheit zu untergraben und seine religiösen Gesetze zum Maßstab des staatlichen Handelns zu machen (z.B. die Sharia einzuführen), vergeht sich an unseren Grundwerten. Dies können wir, auch im Kleinen, nicht dulden.

Frage 5:
Brauchen wir neben einer Kultur des Gedenkens auch eine Kultur des Verzeihens, der Versöhnung und die Überwindung des Schweigens für Opfer und Täter nach dem Ende der DDR? Wie stehen Sie dazu im Hinblick auf die 25-Jahr-Feiern am 09. November 2014 und 03. Oktober 2015? Was sollte bis dahin geschehen und wie sollten diese Jubiläen dazu beitragen?

Verzeihen und Versöhnung sind christliche Werte, die Rechtsordnung des Staates hingegen kennt nur die Verfolgung von Unrecht bzw. das Vergessen im Sinne eines Verjährens.  Ob jemand verzeihen kann, kann er nur selbst beantworten. Ich habe Verständnis für Menschen, die sich damit schwertun, weil sie unermessliches Leid durch die beiden Diktaturen in Deutschland erlitten haben.

Schuld ist individuell, genauso wie das Vergeben.  Der Versuch, die deutschen Diktaturen juristisch aufzuarbeiten, konnte daher nicht vollständig befriedigen. Ich begrüße es außerordentlich, dass mit Joachim Gauck ein Mann Bundespräsident geworden ist, der über die Erfahrungen in einer Diktatur verfügt und differenziert die politischen Vorgänge zu würdigen weiß. Versöhnung kann nur auf dem Weg des Wortes, des Vorbildes und der Einsicht gelingen.