Projekt Bundestagswahl · Deutschland · Israel

Ergebnisse

Wahlkreis 16: Mecklenburgische Seenplatte I – Vorpommern-Greifswald II (Mecklenburg-Vorpommern)
Hässelbarth, Ralf Peter Siegfried
GRÜNE
5 Fragen beantwortet
 
Frage 1:
Was bedeutet für Sie persönlich der Fall der Mauer vor fast 25 Jahren – und was die Deutsche Einheit?

Ich habe den Fall der Mauer unmittelbar persönlich in der Bornholmer Straße in Berlin miterlebt. Es war ein bombastisches Gefühl, endlich diese Enge, dieses starre Korsett ideologischer Indoktrinationen und das ständige Gefühl allgegenwärtiger Überwachung verlassen zu können. Nun, weil ich eine Familie hatte, die in der Gartenstraße wohnte, bin ich dann wieder am morgen nach Ostberlin zurückgekehrt, mit dem festen Willen, in der DDR diese alten Verhältnisse überwinden zu helfen.         

Die deutsche Einheit war da nicht so sehr das Ziel von uns Bürgerbewegten, es ging erst einmal um eine andere, eine bessere Gesellschaft mit eigenen Wesenszügen aus der unmittelbaren Erfahrung heraus, das Bürgerinnen und Bürger etwa bewegen können, sogar ein System zum Einsturz bringen, wenn sie frei agieren können. Diesen Wesenszug aus jener Zeit in eine neue Staatlichkeit hinüberzutragen waren uns wichtiger.

Frage 2:
Welche Aufgaben im Zusammenwachsen der Menschen von Ost und West liegen weiterhin vor uns – und wie wollen Sie sie in Ihrer politischen Verantwortung verwirklichen?

Die Aufgaben sind vielfältig, angefangen bei den Löhnen, der Rente oder eben auch den Lebensperspektiven junger Menschen. Aussagen wie: "Wir sind bei der Einheit schon weit vorangekommen" so der O-Ton von Ministerpräsident Sellering, täuschen über die aktuelle Lage hinweg. Niedriglöhne, weitere Arbeitsplatzabbau (gerade auch in der Landwirtschaft im Osten), finanzieller Kollaps für viele Kommunen, Ausdünnen von z.B. schienengebundener Infrastruktur, koppeln viele Menschen ab von sozialen Kontexten und zivilgesellschaftlichen Strukturen, geben kein Gefühl von Zugehörigkeit. Das ist nicht vergleichbar mit westdeutschen Kommunen, die ich gut kenne, wo auch mit Erfolg ziviler Ungehorsam praktiziert wird, um die Schule oder den Bahnhof im Ort zu erhalten. Da müsste hier in den ostdeutschen Regionen noch viel getan werden, aber die gegenwärtige Politik lässt die ostdeutschen ländlichen Regionen ausdünnen und begründet diese phantasielose Politik mit dem demografischen Wandel. Ein circulus vitiosus.

Die deutsche Einheit und das wirkliche Zusammenwachsen der Menschen ist erst erreicht, wenn z.B. im Land Mecklenburg-Vorpommern ein/e  Bündnisgrüne/r zum Ministerpräsidenten/in gewählt ist. Dann können wir von gleichen und guten Lebensverhältnissen sprechen. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Aber dafür will ich mich gern politisch engagieren
Frage 3:
Wie können Sie sich eine Aufwertung des Nationalfeiertags am 3. Oktober vorstellen? Wie stehen Sie zu dem Anliegen, den 3. Oktober als einen Tag unter dem Motto "Danken Feiern Beten" als öffentliche Veranstaltung unter Beteiligung der christlichen Kirchen in möglichst vielen Orten zu begehen?
Das ist eine Idee, die man weiterentwickeln sollte, nämlich als eine europaweite zivilgesellschaftliche Aktion. Das muss ja auch nicht am 3.Oktober sein. Wir sollten da unsere nationale Brille ablegen und uns gemeinsam mit den Völkern Europas für so einen gemeinsamen Tag unter Beteiligung aller religiösen und humanistisch gesinnten Menschen stark machen. Das würde ich sehr unterstützen!
Frage 4:
Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach für die Politik die jüdisch-christlichen Werte – wie Nächstenliebe, Frieden, Versöhnung, Sonntagsruhe, Würde jeder menschlichen Person am Lebensanfang und am Lebensende, Ehe und Familie, usw. – im Kontext einer multikulturellen Gesellschaft?
Nächstenliebe, Frieden, Versöhnung etc. sind nicht nur Werte, die allein für christlich-jüdische Glaubensgemeinschaften stehen , sondern sie finden sich in (fast) allen Religionen wieder, von Sekten und Sektierern vielleicht einmal abgesehen, aber die hat es in der jüdisch-christlichen Glaubensgeschichte auch gegeben und es gibt sie  ja z.T. heute noch. Insofern ist die Entgegensetzung - so habe ich die Fragestellung verstanden - nicht gerechtfertigt. In einer multikulturellen Gesellschaft existieren nun einmal viele Glaubensrichtungen und sie haben auch alle ihre Berechtigung, aus der Geschichte, aus der Kultur oder auch einfach aus einer bestimmten Tradition heraus. Daraus ergeben sich oftmals auch verschiedene Lebensformen. Aus der Geschichte wissen wir, dass die offene Begegnung verschiedener Kulturen, wenn sie nicht als Bedrohung inszeniert wird, zu sprunghaften Entwicklungen und Fortschritten für die gesamte Menschheit geführt hat (s. Renaissance) Die Bevorzugung einer Religion oder Glaubensgemeinschaft in bezug auf ihre religiösen Ideale lehne ich ab
Frage 5:
Brauchen wir neben einer Kultur des Gedenkens auch eine Kultur des Verzeihens, der Versöhnung und die Überwindung des Schweigens für Opfer und Täter nach dem Ende der DDR? Wie stehen Sie dazu im Hinblick auf die 25-Jahr-Feiern am 09. November 2014 und 03. Oktober 2015? Was sollte bis dahin geschehen und wie sollten diese Jubiläen dazu beitragen?
Die Jubiläen sollten gefeiert und würdig begangen werden. Es wäre aber wünschenswert, wenn sie als ein bestimmter Ausgangs- wie auch Endpunkt in dieser historisch kurzlebigen, aber auch sehr lebendigen Zeit dargestellt und erlebbar gemacht werden könnten. Eigentlich müsste der 4. November 1989 (Erste Große Berliner Demonstration) als dieser Ausgangspunkt jubiliert werden und dann könnte man die kurze Zeit bis zum 3.10. in geeigneter Weise historisch nachvollziehbar an den entscheidenden Stellen würdig und aufgearbeitet mit den jeweiligen Entscheidungssträngen und Fragestellungen begehen. Das könnte auch zu einer Kultur für mehr Verständnis führen,  mehr Verständnis dafür, wie eben Geschichte abläuft mit ihren vielfältigen menschlichen Implikationen.