Projekt Bundestagswahl · Deutschland · Israel

Ergebnisse

Wahlkreis 84: Berlin-Treptow-Köpenick (Berlin)
Gysi, Dr. Gregor
Die LINKE
5 Fragen beantwortet
 

Vorsitzender der Bundestagsfraktion DIE LINKE.

Frage 1:
Was bedeutet für Sie persönlich der Fall der Mauer vor fast 25 Jahren – und was die Deutsche Einheit?

Der Fall der Mauer bedeutete ein Ende der geschlossenen Gesellschaft. Am Tage selbst hatte ich zwiespältige Gefühle, da ich wusste, dass dies auch das Ende der DDR bedeutete. Inzwischen aber meine ich, dass die Aufgabe der geschlossenen Gesellschaft eine wichtige und richtige Entscheidung für die gesamte Gesellschaft war. Die deutsche Einheit war eine logische Konsequenz. Zwar hätte ich sie mir in der Gestaltung anders vorgestellt, aber das ändert nichts an ihrer Bedeutung. Für mich ist sie eine größere Herausforderung. Ich bin und bleibe demokratischer Sozialist und muss dafür nun von Mecklenburg-Vorpommern bis Bayern streiten.

Frage 2:
Welche Aufgaben im Zusammenwachsen der Menschen von Ost und West liegen weiterhin vor uns – und wie wollen Sie sie in Ihrer politischen Verantwortung verwirklichen?

Endlich müssen wir erreichen, dass die Menschen in gleicher Arbeitszeit für die gleiche Arbeit den gleichen Lohn in Ost und West beziehen. Im Osten bezieht man zur Zeit durchschnittlich 83 % des Lohnes, der im Westen verdient wird. Außerdem müssen wir erreichen, dass es für die gleiche Lebensleistung endlich die gleiche Rente gibt. Ferner wünsche ich mir mehr Respekt vor ostdeutschen Biographien. Meiner politischen Verantwortung versuche ich dadurch gerecht zu werden, dass ich für diese Ziele streite. Es muss aber auch Neuerungen geben. Z. B. trete ich für einen Solidarpakt III ein, mit dem Entwicklungen in sämtlichen strukturschwachen Regionen finanziert werden, nicht nur im Osten, sondern ebenso im Westen.

Frage 3:
Wie können Sie sich eine Aufwertung des Nationalfeiertags am 3. Oktober vorstellen? Wie stehen Sie zu dem Anliegen, den 3. Oktober als einen Tag unter dem Motto "Danken Feiern Beten" als öffentliche Veranstaltung unter Beteiligung der christlichen Kirchen in möglichst vielen Orten zu begehen?

Einen Nationalfeiertag kann man nicht aufwerten. Die Aufwertung findet dann statt, wenn die Menschen entsprechend denken und entsprechend fühlen. Ihr Motto finde ich zu einseitig, weil es viele Menschen gibt, die religiös nicht gebunden sind. Auch an sie muss sich ein Motto richten.

Frage 4:
Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach für die Politik die jüdisch-christlichen Werte – wie Nächstenliebe, Frieden, Versöhnung, Sonntagsruhe, Würde jeder menschlichen Person am Lebensanfang und am Lebensende, Ehe und Familie, usw. – im Kontext einer multikulturellen Gesellschaft?

Die jüdisch-christlichen Werte prägen unsere Gefühle und unser Denken. Das gilt auch für nicht religiöse Menschen. Allerdings werden die von Ihnen genannten Kriterien immer wieder verletzt, auch durch Menschen, die sich selbst als christlich empfinden. Ich trete auf jeden Fall dafür ein, dass diese Werte wieder eine höhere Bedeutung erlangen, wobei ich unter Familie jede Form des Zusammenlebens von Menschen verstehe. Dabei ist es gleichwertig, ob Frau und Mann oder Frau und Frau oder Mann und Mann zusammenleben. Wichtig ist, dass wir gute Beziehungen haben, in denen sich Kinder gut entwickeln können. Selbstverständlich ist eine Familie auch dann gegeben, wenn nur eine Frau oder nur ein Mann mit einem Kind oder mehreren Kindern zusammenlebt.

Frage 5:
Brauchen wir neben einer Kultur des Gedenkens auch eine Kultur des Verzeihens, der Versöhnung und die Überwindung des Schweigens für Opfer und Täter nach dem Ende der DDR? Wie stehen Sie dazu im Hinblick auf die 25-Jahr-Feiern am 09. November 2014 und 03. Oktober 2015? Was sollte bis dahin geschehen und wie sollten diese Jubiläen dazu beitragen?

Selbstverständlich muss es neben der Kultur des Denkens auch eine Kultur des Verzeihens, der Versöhnung und der Überwindung des Schweigens geben. Das Problem besteht darin, dass die Geschichte der DDR nur ein Fünftel der Bevölkerung betrifft. Beträfe die Geschichte die gesamte Bevölkerung, gäbe es völlig andere Ansätze in der Politik. Dadurch aber, dass es nur um ein Fünftel geht, fordern die einen etwas von den anderen, was sie selbst nicht zu leisten brauchen. Das gilt insbesondere auch in der Politik. Diese Schwierigkeit ist besonders schwer zu überwinden.