Projekt Bundestagswahl · Deutschland · Israel

Ergebnisse

Wahlkreis 108: Neuss I (Nordrhein-Westfalen)
Gröhe, Hermann
CDU
5 Fragen beantwortet
 

Generalsekretär der CDU - Deutschland

Frage 1:
Was bedeutet für Sie persönlich der Fall der Mauer vor fast 25 Jahren – und was die Deutsche Einheit?

Der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung Deutschlands waren und sind für mich ganz besonders glückliche Ereignisse. Meine Eltern hatten die DDR erst 1958 verlassen - nur drei Jahre vor meiner Geburt. Sie haben stets die Verbindung zu ihrer Familie und in die alte Heimat aufrechterhalten. Ich bin mit dem Bewusstsein der Unmenschlichkeit der innerdeutschen Grenze und der erzwungenen Trennung von Familien aufgewachsen. Und ich habe die Unterschiede beiderseits der Mauer - im Westen soziale Marktwirtschaft und freiheitliche Demokratie und im Osten sozialistische Planwirtschaft und Diktatur - sehr bewusst miterlebt. Noch heute verbinde ich die Erinnerung an die Jahre 1989/90 mit einem Gefühl großen Glücks. Zugleich empfinde ich große Dankbarkeit und Respekt für die Menschen, die für Einheit und Freiheit eingetreten sind sowie auch für unsere europäischen Nachbarn und die alliierten Staaten, die unserem wiedervereinigten Deutschland ihr Vertrauen geschenkt haben.

Frage 2:
Welche Aufgaben im Zusammenwachsen der Menschen von Ost und West liegen weiterhin vor uns – und wie wollen Sie sie in Ihrer politischen Verantwortung verwirklichen?

Die Erlangung der inneren Einheit Deutschlands ist ein Prozess, dessen Vollendung nach 40 Jahren SED-Diktatur sicher noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Unsere gemeinsame Geschichte, die gemeinsame Kultur, das tägliche Miteinander und vieles mehr werden uns jedoch helfen, der Verwirklichung der inneren Einheit Deutschlands zusehends näher zu kommen. Je mehr sich die Lebensverhältnisse in den östlichen und westlichen Bundesländern angleichen, desto weniger werden insbesondere die jungen Menschen noch zwischen Ost und West unterscheiden. Die CDU wird dies mit allen Kräften weiterhin unterstützen.

Frage 3:
Wie können Sie sich eine Aufwertung des Nationalfeiertags am 3. Oktober vorstellen? Wie stehen Sie zu dem Anliegen, den 3. Oktober als einen Tag unter dem Motto "Danken Feiern Beten" als öffentliche Veranstaltung unter Beteiligung der christlichen Kirchen in möglichst vielen Orten zu begehen?

Der 3. Oktober als Tag der Deutschen Einheit wird schon heute mit einer großen zentralen Feier sowie bundesweit mit zahlreichen weiteren Festen und Veranstaltungen begangen. Auch Gottesdienste gehören selbstverständlich dazu. Unser Nationalfeiertag sollte dauerhaft überall in Deutschland und für alle Menschen etwas ganz Besonderes sein. Ein besonderes Engagement der christlichen Kirchen unter dem beschriebenen Motto „Danken, feiern, beten" könnte dazu sicherlich beitragen. Wir müssen gemeinsam daran mitwirken, dass das großartige Geschenk an Deutschland von „Einigkeit und Recht und Freiheit" in Frieden und Freundschaft mit der Staatengemeinschaft uns allen stets bewusst bleibt.

Der christliche Glaube ist weltumspannend - er war auch eine wichtige und unzerstörbare Verbindung zwischen Ost und West in den Zeiten der Teilung. Den 3. Oktober sollten wir als Christen gemeinsam nutzen, um miteinander zu sprechen, uns zu erinnern, zu danken und nach vorn zu schauen. Wir sollten diesen Tag nutzen, darum zu beten, dass sich unsere gemeinsamen Hoffnungen weiterhin erfüllen und dass es auch jenen Völkern künftig besser ergehen möge, die heute noch unter Diktatur, Verfolgung, Flucht und Vertreibung leiden müssen.

Frage 4:
Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach für die Politik die jüdisch-christlichen Werte – wie Nächstenliebe, Frieden, Versöhnung, Sonntagsruhe, Würde jeder menschlichen Person am Lebensanfang und am Lebensende, Ehe und Familie, usw. – im Kontext einer multikulturellen Gesellschaft?

CDU und CSU bekennen sich in ihrem gemeinsamen Regierungsprogramm ausdrücklich zur christlichen Prägung unseres Landes wie auch zum Respekt vor jeder Glaubensüberzeugung. Sicherlich hat die Zuwanderung der letzten Jahrzehnte, die Millionen Menschen muslimischen Glaubens in unserem Land heimisch werden ließ, aber auch die Abwendung vieler Menschen in unserem Land von jedwedem religiösen Bekenntnis, auch in Folge der Schikanierung von Christinnen und Christen in der früheren DDR, dazu geführt, dass christlich geprägte Vorstellungen in unserer Gesellschaft heute alles andere als selbstverständlich sind. Dennoch gilt auch heute, dass Wertvorstellungen, die im christlichen Glauben gründen, für die Entwicklung unserer freiheitlichen politischen Ordnung von überragender Prägekraft gewesen sind und daher auch für die Zukunft eine wichtige Orientierung geben können.

Die christliche Prägung unserer Politik zeigt sich beispielsweise im Bekenntnis zur Schutzwürdigkeit des menschlichen Lebens gerade an seinem Anfang und Ende. So haben wir die Beratung Schwangerer nach Feststellung einer wahrscheinlichen Behinderung des ungeborenen Kindes deutlich verbessert, um das Ja zum Kind zu erleichtern. Aktive Sterbehilfe lehnen wir entschieden ab. Ehe und Familie gilt unsere besondere Wertschätzung. Wir sind dankbar für den besonderen Beitrag, den die christlichen Kirchen und ihre Wohlfahrtsverbände beispielsweise im Bereich der Bildung, des Sozial- und Gesundheitswesen leisten. Die vielfältigen christlichen Einrichtungen in wichtigen Bereichen unseres Gemeinwesens verdienen eine öffentliche Förderung wie auch die Achtung ihrer spezifischen, kirchlichen Prägung. Daher stehen wir zum sogenannten Tendenzschutz kirchlicher Einrichtungen wie auch zum kirchlichen Arbeitsrecht. Wir stehen zum Sonn- und Feiertagsschutz. Im Einsatz zur weltweiten Armutsbekämpfung arbeiten wir seit Jahrzehnten eng und vertrauensvoll mit kirchlichen Entwicklungshilfeorganisationen zusammen.

Dankbar sind wir für das Wiedererstarken jüdischen Gemeindelebens in Deutschland durch die Zuwanderung von Juden aus dem Bereich der früheren Sowjetunion. Wir unterstützen die jüdischen Gemeinden und ihre Wohlfahrtspflege bei der Integration dieser Zuwanderer.

Mit vielen muslimischen Organisationen arbeiten wir im Hinblick auf die Förderung des interreligiösen Dialogs und die Integration muslimischer Zuwanderer vertrauensvoll zusammen. Ausdruck dieser Zusammenarbeit ist beispielsweise die Deutsche Islamkonferenz. Multireligiöses Miteinander gelingt dort am besten, wo sich die Beteiligten der eigenen religiösen Überzeugung bewusst sind und sie sich gleichzeitig in wechselseitigem Respekt begegnen. 

Wir bekennen uns nachdrücklich zum Grundsatz der Religionsfreiheit, wie er der Verfassungsordnung des Grundgesetzes entspricht, und treten deshalb auch weltweit für Religionsfreiheit ein. Gerade bedrängten und verfolgten Christen gilt dabei unsere Solidarität, stellen sie doch die größte Gruppe der Menschen dar, die um ihres Glaubens Willen heute verfolgt werden.

Frage 5:
Brauchen wir neben einer Kultur des Gedenkens auch eine Kultur des Verzeihens, der Versöhnung und die Überwindung des Schweigens für Opfer und Täter nach dem Ende der DDR? Wie stehen Sie dazu im Hinblick auf die 25-Jahr-Feiern am 09. November 2014 und 03. Oktober 2015? Was sollte bis dahin geschehen und wie sollten diese Jubiläen dazu beitragen?

Das Anliegen der Versöhnung ist ein urchristliches, das ich vollauf unterstütze. Die Bitte im Vaterunser: „Bitte vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern." - zeigt uns den richtigen Weg, wie Versöhnung gelingen kann. Unrecht und Verfolgung dürfen nicht unter den Teppich gekehrt werden. Dabei ist die Erinnerung ein oft schmerzlicher Prozess für die Opfer, die oft erst jetzt den ganzen Umfang der Verfolgung erfahren, aber sie ist notwendig. Auch Verzeihung kann nur im Bewusstsein des Geschehenen gewährt werden. Und noch einen wichtigen Aspekt zeigt uns das Vaterunser auf: Vergebung kann nicht einseitig erfolgen, sie muss erbeten werden von jenen, die Schuld auf sich geladen haben.

Die Aufarbeitung von SED-Unrecht muss fortgesetzt werden. Die Union setzt sich dafür ein, dass der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR seiner Aufgabe auch künftig uneingeschränkt nachkommen kann. Die umfassende Aufdeckung des Geschehenen schulden wir nicht nur den Opfern und ihren Angehörigen, sondern auch nachfolgenden Generationen.