Projekt Bundestagswahl · Deutschland · Israel

Ergebnisse

Wahlkreis 262: Nürtingen (Baden-Württemberg)
Gastel, Matthias
GRÜNE
5 Fragen beantwortet
 

Wahlkreis Nürtingen/Filder

Frage 1:
Was bedeutet für Sie persönlich der Fall der Mauer vor fast 25 Jahren – und was die Deutsche Einheit?
Ich kann mich noch sehr gut an den emotionalen Moment erinnern, als ich gemeinsam mit meinen damaligen Zivikollegen vor dem Fernsehgerät den Fall der Mauer miterlebte. Was der Fall der Mauer für mich bedeutete und bedeutet? Mir fallen dazu Begriffe ein wie Ende einer Diktatur, Ende eines Unrechtsstaates, Freiheit, Grundrechte, Pluralismus, freie Wahlen und Chancen für ein Zusammenrücken von Ost und West. Heute weiß ich, dass sich nicht alle Hoffnungen bewahrheitet haben und andere länger brauchen, um realisiert werden zu können. Und doch bin ich sehr froh darüber, dass es so gekommen ist.
Frage 2:
Welche Aufgaben im Zusammenwachsen der Menschen von Ost und West liegen weiterhin vor uns – und wie wollen Sie sie in Ihrer politischen Verantwortung verwirklichen?

Es geht um mehr als die schrittweise Angleichung von Löhnen und Renten.

Weiterhin wichtig bleibt eine aktive, bewusste Auseinandersetzung mit Fragen zur deutsch-deutschen Vergangenheit. Das Wissen und das Verständnis um das Vergangene ist häufig der Schlüssel zur Lösung der Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft. Dies erfordert eine Berücksichtigung in den Bildungsplänen der Schulen und den Ausbau der Erwachsenenbildung.

Die anhaltende Abwanderung junger, gut ausgebildeter Menschen ist eine besondere Schwierigkeit für die Gesellschaft und die Wirtschaft in Ostdeutschland. Wir wollen Ostdeutschland als Lebens- und Arbeitsraum so stärken, dass junge Menschen hier bleiben können, wiederkommen wenn sie weg waren oder auch neu nach Ostdeutschland kommen. Nur so können wir die sich abzeichnende Lücke bei Fachkräften und Hochqualifizierten schließen.

Frage 3:
Wie können Sie sich eine Aufwertung des Nationalfeiertags am 3. Oktober vorstellen? Wie stehen Sie zu dem Anliegen, den 3. Oktober als einen Tag unter dem Motto "Danken Feiern Beten" als öffentliche Veranstaltung unter Beteiligung der christlichen Kirchen in möglichst vielen Orten zu begehen?

Der 03. Oktober ist ein „künstliches, politisch festgelegtes“ Datum. Für mich viel bedeutender ist der 09. November. Er steht für den friedlichen Sieg des sich nach Freiheit und Demokratie sehnendes Volkes über einen bis dahin als übermächtig empfundenen Staat.

Die offizielle Feier zum Tag der Deutschen Einheit findet in diesem Jahr in Stuttgart, meiner Geburtsstadt, statt. Damit wird dieser Tag in diesem Jahr auch für mich ein besonderer Tag. Kirchen sind wie andere zivilgesellschaftliche Gruppen eingeladen und aufgerufen, sich an diesem Tag mit ihren Anliegen und Vorstellungen einzubringen und ihn damit zu einem gesamtgesellschaftlichen Ereignis zu machen.

Frage 4:
Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach für die Politik die jüdisch-christlichen Werte – wie Nächstenliebe, Frieden, Versöhnung, Sonntagsruhe, Würde jeder menschlichen Person am Lebensanfang und am Lebensende, Ehe und Familie, usw. – im Kontext einer multikulturellen Gesellschaft?

Diese Werte bleiben auch in einer multikulturellen Gesellschaft wichtig – für mich persönlich und für unsere bunter gewordene Gesellschaft. Jede Gesellschaft braucht Werte, die sie zusammen hält und verbindet. Die wichtigsten Werte sind im Grundgesetz niedergeschrieben, an sie haben wir uns alle zu halten.

Frage 5:
Brauchen wir neben einer Kultur des Gedenkens auch eine Kultur des Verzeihens, der Versöhnung und die Überwindung des Schweigens für Opfer und Täter nach dem Ende der DDR? Wie stehen Sie dazu im Hinblick auf die 25-Jahr-Feiern am 09. November 2014 und 03. Oktober 2015? Was sollte bis dahin geschehen und wie sollten diese Jubiläen dazu beitragen?

Dem Verzeihen voraus gehen muss immer eine geschichtliche Aufarbeitung. Und Verzeihen heißt, dem Einzelnen zu verzeihen, den Ereignissen aber zu gedenken, um sie nie zu vergessen und die demokratischen Errungenschaften weiterhin als hohen Wert zu schätzen.

Das Unrechtssystem der DDR hat vielen Menschen unendliches seelisches und körperliches Leid zugefügt. Menschen, die sich gegen den totalitären Staat aufgelehnt haben, wurden politisch verfolgt und dadurch in ihrer Lebensführung erheblich beeinträchtigt. Dieses Unrecht kann kaum wirklich bereinigt oder gar wieder gut gemacht werden. Umso wichtiger ist es aber, politisch Verfolgte endlich angemessen zu würdigen, zu entschädigen und Gerechtigkeitslücken zu schließen.

Doch zugleich ist auch gesellschaftlicher Frieden für uns ein hohes Gut. Menschen können sich ändern, ihre Taten bereuen und sich in der demokratischen Grundordnung bewähren. Dem trägt auch unserer Rechtsordnung in vielfältiger Weise, z.B. durch strafrechtliche Verjährungsfristen und Tilgungsvorschriften der Strafregisterbestimmungen, Rechnung. Also: Versöhnen ja, aber mit Hilfe des Gedenkens nicht vergessen.