Projekt Bundestagswahl · Deutschland · Israel

Ergebnisse

Wahlkreis 110: Krefeld I – Neuss II (Nordrhein-Westfalen)
Fricke, Otto
FDP
5 Fragen beantwortet
 

Mitglied des Bundestages seit 2002; seit September 2004 Mitglied im Gremium zu Fragen der Kreditfinanzierung des Bundes, seit November 2005 Vorsitzender des Haushaltsausschusses, seit Oktober 2009 Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Fraktion.

Mitglied der SynodeEvangelische Kirche in Deutschland

Frage 1:
Was bedeutet für Sie persönlich der Fall der Mauer vor fast 25 Jahren – und was die Deutsche Einheit?

Der Fall der Mauer zeigt, dass Freiheit allen Hindernissen und Sperren und Grenzen und Mauer trotzt und der Wille der Menschen zur Freiheit in Jahren der Unfreiheit nie verwelkt. Er bedeutet, dass Hoffnung nicht vergebens ist, auch dort nicht, wo Menschen und Jahrzehnte nur mit Hoffnung und ohne reale Aussicht ausharren müssen.

Die Deutsche Einheit schließlich belegt, dass in unser wunderbaren Welt das Unmögliche möglich, das Unwahrscheinliche wahrscheinlich und das nur Geträumte erlebbar werden kann. Sie ist bis in die Gegenwart ein großes Glück - und eine bleibende Herausforderung.

Frage 2:
Welche Aufgaben im Zusammenwachsen der Menschen von Ost und West liegen weiterhin vor uns – und wie wollen Sie sie in Ihrer politischen Verantwortung verwirklichen?

Große Erfolge bestehen, viele Herausforderungen bleiben. Wir müssen vor allem darauf Acht geben, dass Teile im Osten nicht zum "leeren Land" werden, weil zu viele junge Menschen anderswo eine Perspektive suchen. Herausforderungen des demographischen Wandels konzentrieren sich besonders im Osten.

Insgesamt aber gilt: Die Einheit ist so weit fortgeschritten, dass wir heute den Blick von der Trennung zwischen Ost und West auf die ungleiche Verteilung von Lebenschancen in ganz Deutschland richten können - und auf den Zusammenhalt der Gesellschaft unabhängig von Himmelsrichtungen.

 

Frage 3:
Wie können Sie sich eine Aufwertung des Nationalfeiertags am 3. Oktober vorstellen? Wie stehen Sie zu dem Anliegen, den 3. Oktober als einen Tag unter dem Motto "Danken Feiern Beten" als öffentliche Veranstaltung unter Beteiligung der christlichen Kirchen in möglichst vielen Orten zu begehen?

Der 3. Oktober ist ein Tag, an dem wir Christen noch einmal besonderen Grund haben, Gott zu danken. Es ist ein Tag, den Christen auch im Gottesdienst begehen sollten - und den ich im Gottesdienst begehe, wann immer es mir möglich ist.

Trotzdem gilt: Der 3. Oktober ist unser Nationalfeiertag - der Tag, an dem die ganze Gesellschaft zusammenkommt, ganz gleich, welchen Glaubens jeder Einzelne ist. Zu beten ist das Privileg der Gläubigen, aber nicht die Erwartung, die wir an alle haben. Und umgekehrt gilt: Der Glaube ist nicht im Staate stark. Ich habe gerade als evangelischer Christ immer Sorge, wenn sich staatliche und kirchliche Belange zu sehr überschneiden und in gemeinsamen Anlässen überlagern. Der Nationalfeiertag als Glaubensfest - das hat mir etwas zu viel von Staatskirche.

Für uns Christen sind wichtig die Tage, an denen Gottes fügende Hand eingegriffen hat. Der 3. Oktober selbst beruht nicht auf Gottes fügender Hand, sondern auf einer –ganz wichtigen – staatlichen Setzung.

Frage 4:
Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach für die Politik die jüdisch-christlichen Werte – wie Nächstenliebe, Frieden, Versöhnung, Sonntagsruhe, Würde jeder menschlichen Person am Lebensanfang und am Lebensende, Ehe und Familie, usw. – im Kontext einer multikulturellen Gesellschaft?

Diese Werte sind das Fundament, auf dem unsere Gesellschaft ruht. Sie sind unser großer abendländischer Schatz. Unsere Aufgabe ist, sie zu bewahren. Wir müssen uns aber auch vor der Versuchung feien, die Grundlage dieser Werte klein zu machen. Der einfache Bezug auf die "christlichen Werte" birgt immer auch die Gefahr, die Herausforderung des Glaubens, der ihnen zugrundeliegt, als erledigt abzutun. Christlicher Glaube heute erschöpft sich nicht in allgemein akzeptierten Werten. Er ist keine Konsensdoktrin. Wer mit den Werten einverstanden ist, die unsere Gesellschaft prägen, hat noch lange nichts mit Gott, mit Christus, am Hut - und umgekehrt. 

Unter den oben aufgezählten Werten fehlt mir übrigens die Toleranz. Sie ist wichtig, sie ist schwierig, sie fehlt oft - gegenüber ebenso wie bei Christen. 

Frage 5:
Brauchen wir neben einer Kultur des Gedenkens auch eine Kultur des Verzeihens, der Versöhnung und die Überwindung des Schweigens für Opfer und Täter nach dem Ende der DDR? Wie stehen Sie dazu im Hinblick auf die 25-Jahr-Feiern am 09. November 2014 und 03. Oktober 2015? Was sollte bis dahin geschehen und wie sollten diese Jubiläen dazu beitragen?

Ich sehe kein Schweigen. Die Aufarbeitung der Vergangenheit der DDR ist nicht in Allem geglückt, aber in Vielem gelungen. 

Verzeihen, Versöhnen und Vergegenwärtigen sind Prozesse, die unabhängig von Stichtagen verlaufen. Zweifelsohne: Ein Vierteljahrhundert Ende der deutschen Teilung - das fordert auf zur Bilanz und auch zu neuen Kraftanstrengungen. Überladen aber sollte man diese beiden Daten nicht.